Photo by Luke Goodlife
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Flora

Philipp Artus

Wie sich die inneren Bilder, denen wir im Schlaf begegnen, unterscheiden, so bringt auch „FLORA“ durch die Übersetzung der individuellen Interaktion die Persönlichkeit der interagierenden Personen zum Vorschein: von zögerlich bis wild, gar rücksichtslos, von rund und organisch bis eckig und abstrakt.  

"Meine Arbeit gestaltet sich durch einen Algorithmus. Dadurch, dass er interaktiv ist, kann der Zuschauer oder das Publikum selber diesen Algorithmus ästhetisch erforschen. Was dabei entsteht, sind abstrakte Formen, die Assoziationen auslösen, die zum Träumen einladen und die Fantasie der Betrachtenden anregen. Genau dadurch entsteht eine traumhafte Stimmung.“ 

Abstrakte Linien setzen sich zu komplexen und zugleich sehr ästhetischen Formen zusammen, die einmal in geschwungener Harmonie erscheinen, ein andermal in kantigem Chaos – so die Eindrücke, die die interaktive Installation „FLORA“ erschafft. Die Erscheinungen sind dabei niemals gleich, denn gesteuert und gestaltet werden sie von den Betrachtenden mittels eines Touchpads selbst. Aus sich überlagernden Sinuswellen erzeugt der dahinterliegende Algorithmus eine Animation, die unseren persönlichen Traumlandschaften ähnelt. 


Lichtblicke
von der Idee zum Werk

Gibt es ein zentrales Thema in deiner Arbeit?
Müsste ich mich für ein Hauptthema entscheiden, wäre das wohl die Welle. Wasserwellen, Wellenbewegungen – seitdem ich in der Nähe des Atlantik studiert habe, ist dieses Thema zu einer großen Leidenschaft für mich geworden. Zwar habe ich mich um die Aufnahme an der Kunsthochschule mit Aquarellen und Fotografie beworben, aber auch hier habe ich schon angefangen, in Serien zu arbeiten, nicht das einzelne Bild war wesentlich für mich, sondern die Abfolge und dadurch auch die Bewegung, auch wenn es erstmal nur eine assoziative oder gedankliche Bewegung war. Dieser Fluss, der einmal etwas hektisches, ein andermal etwas meditatives innehaben kann, das ist ein Thema, das sich auf ästhetische Art und Weise in meinen Arbeiten immer wieder zeigt. 

Die Arbeit „Flora“ wird durch den Algorithmus gesteuert und gestaltet… Wie hast du diesen Algorithmus gefunden?
Ich habe relativ spät angefangen zu programmieren, ich habe mich davor sehr mit Animation und Experimentalfilm beschäftigt, habe aber damals noch nicht animiert… Mich hat die Ästhetik der Bewegung von Gelenken sehr fasziniert, die Natürlichkeit der vielen Möglichkeiten von Rotation, der etwas sehr Lebendiges innewohnt. Um das replizieren zu können habe ich angefangen, mich mit Programmierung zu beschäftigen und konnte dieser Art dann viele Dinge ausprobieren, ein Regelsystem definieren und mit vielen verschiedenen Parametern experimentieren. Ich wusste im Vorherein nicht, was passieren würde… als ich dann erstmals die Formen und Figuren gesehen habe, die vom Flora-Algorithmus geschaffen werden, war das für mich wie eine tolle Entdeckung! Den Algorithmus zu entwickeln, in ihn Formeln zu bringen und die Arbeit interaktiv zu machen war mein Hauptaugenmerk. Letztendlich ist das Kunstwerk der Algorithmus und dadurch, dass er interaktiv ist, kann der Zuschauer oder das Publikum selber diesen Algorithmus ästhetisch erforschen.

Die Besucher können durch die Interaktion Einfluss auf den Algorithmus nehmen und die Bewegung selber steuern?
Genau, wie gesagt, es geht um Wellen. Wellen haben eine Amplitude, eine Frequenz, die vielen unterschiedlichen Wellen stehen in Beziehung zueinander, die technischen Parameter definieren die Wellen, die anfangen, zu wandern, sich zu überlagern… genau so, wie man es auch im Wasser beobachten kann. Es gibt kleinere Wellen, größere Wellen und Wellen, die überschwappen. Wellen, die sich überlagern und zu neuen Formen führen. Es war mein Ziel, dass der Zuschauer schon sehr viel selber bestimmen kann, sie haben sehr großen kreativen Freiraum im Spiel mit dem Algorithmus. Es ist immer wieder faszinierend zu sehen, wie unterschiedlich die Leute daran gehen, einige sind sehr analytisch, die anderen sehr intuitiv und spielerisch.

Hast du schon einmal eine Figur zweimal gesehen?
Nein, diese wirkliche Wiederholung kann es eigentlich gar nicht geben. Rein theoretisch wäre das möglich, aber die Wahrscheinlichkeit, dass das passiert, ist zu gering, weil es einfach nahezu wirklich unendlich viele Möglichkeiten gibt und viele Überlagerungen stattfinden. Es gibt natürlich gewisse ästhetische Richtungen, die ich wiedererkenne und vermutlich ist es genau diese Vielfalt, die Flora so interessant macht. Flora ist für mich eigentlich die abstrakteste Arbeit, die ich bisher gemacht habe – ich komme ja eher aus dem Figurativen. Aber der Algorithmus baut auf genau dieser Idee einer figurativen Bewegung auf, was dann entsteht, sind zwar einfach abstrakte Formen, die Bewegung dieser Formen jedoch löst Assoziationen zu Lebewesen, die man kennt, aus.

Gerade eben dieser Zwischenbereich zwischen dem Figurativen und dem Abstrakten lädt zum Träumen ein, weil je weiter man in die Abstraktion hineinkommt, desto mehr Assoziationen entstehen, die die Fantasie des Betrachters anregen. Und genau dadurch entsteht eine traumhafte Stimmung.
 


Biografie

Philipp Artus ist ein multidisziplinärer Künstler und Filmemacher aus Berlin. Seine Kunstwerke erforschen die Manifestationen des Lebens durch Bewegung, Klang und Bildsprache. Er komponiert audiovisuelle Erfahrungen, die spielerische Elemente mit minimalistischen Strukturen, zeitlose Themen mit zeitgenössischen Beobachtungen und turbulente Beschleunigung mit kontemplativer Stille vereinen. Nach seinem Abschluss an der École des Beaux Arts in Nantes/Frankreich studierte Artus autodidaktisch Animation, Physik und Musiktheorie und absolvierte ein Postgraduiertenstudium an der Kunsthochschule für Medien in Köln/Deutschland.


Credits

Koncept, Animation und Code: 
Philipp Artus