ROSEGARDEN IN PULA, 2023, Visualia Festifal, 2023, Pula, Kastel, Hartung and Trenz
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Lichtwege

Hartung & Trenz

Einst floss Wasser durch die Kaskaden des barocken Schwarzenberggartens, bei KLANGLICHT IM PARK flutet leuchtende Sprache den Weg. Dieser Weg ist jedoch nicht begehbar – Besucher:innen verweilen auf der erhöhten Balustrade, die den Blick über diese „Lichtwege“ bis hin zum Palais Schwarzenberg freigibt.

„Die eigentliche Bewegung findet im Denken statt.“ – Georg Trenz, Detlef Hartung

Doch nicht nur die Perspektive ist für die kontemplative Arbeit von Hartung & Trenz bedeutsam. Unter der Balustrade befindet sich eine Grotte, die zum Sinnbild eines Übergangs wird: vom Dunkel ins Licht, von der Enge zur Weite, von der Quelle hinaus in den Garten. Diese Dualität greifen die Künstler in den Texten ihrer „Lichtwege“ auf. Kreisförmig angelegte Begriffe breiten sich konzentrisch aus, wirken aufeinander ein und schaffen ein Geflecht, das sich nicht eindeutig lesen, aber immer wieder neu interpretieren lässt. 
So findet die eigentliche Bewegung dieser Installation im Kopf statt. Der historische Garten wird zum Raum für Reflexion über und Resonanz zwischen Licht und Leben.


Lichtblicke
von der Idee zum Werk

Für Klanglicht im Park entwickelt ihr eine neue Arbeit für den Schwarzenberggarten. Was erwartet die Besucherinnen und Besucher?
Georg Trenz: Wien befindet sich für uns tatsächlich noch mitten im Entstehen. Es gibt einige Parameter, die bereits feststehen und die sich sehr deutlich von den Gegebenheiten unterscheiden, die wir in Graz vorfinden.
Diesmal gibt es keinen Weg, den man selbst geht. Stattdessen betrachten wir einen Weg – und zwar von einem erhöhten Standpunkt aus. Die Besucher stehen auf einer Steinbalustrade, die den historischen Kaskaden folgt, über die früher das Wasser durch den Park floss. Etwa zwei oder drei Meter unterhalb befindet sich ein kleiner Teich, eingerahmt von großen Buchskugeln. Von dort öffnet sich der Blick auf eine rund zweihundert Meter lange Allee, die direkt auf das Palais Schwarzenberg zuführt.
Diesen Weg kann man nicht betreten, sondern nur gedanklich nachvollziehen. Genau das interessiert uns. Wir arbeiten deshalb mit statischen Projektionen. Natürlich verändert sich die Wahrnehmung geringfügig, wenn man sich auf der halbrunden Balustrade bewegt. Im Grunde sitzt man aber wie ein Opernbesucher in einer Loge und blickt auf eine Bühne, die sich vor einem öffnet. Dieser gesamte Prospekt wird mit wenigen Projektoren statisch ausgeleuchtet.

Die Installation verändert sich auch im Laufe der Festivalwochen. Welche Rolle spielt dabei die Natur?
Georg Trenz: Das ist tatsächlich ein spannender Aspekt. Während der Laufzeit wird sich der Ort verändern. Die Buchsbäume bleiben zwar gleich, aber die Bäume entlang der Allee verlieren nach und nach ihr Laub. Dadurch verändert sich die Projektionsfläche kontinuierlich. Die Arbeit reagiert also auf einen Park, der sich selbst im Wandel befindet.

Welcher Gedanke steht hinter der Gestaltung der Projektionen?
Georg Trenz: Ausgangspunkt war die historische Bedeutung des Wassers im Schwarzenberggarten. Wir greifen diesen Gedanken auf, allerdings nicht illustrativ, sondern sehr abstrakt.
Die flächigen Projektionen bilden gewissermaßen eine Wasseroberfläche. Darauf legen sich kreisförmig angeordnete Texte, die an die Wellen erinnern, die entstehen, wenn man einen Stein in einen Teich wirft. Es geht nicht darum, Wasser abzubilden, sondern die Vorstellung davon hervorzurufen – diese konzentrischen Bewegungen, die sich immer weiter ausbreiten.

Auch die Architektur unterhalb der Balustrade spielt eine wichtige Rolle.
Detlef Hartung: Ja. Besonders fasziniert hat uns die Marmor- beziehungsweise Stuckausstattung der Mauer unterhalb der Balustrade. Sie ist eigentlich kaum sichtbar. Erst wenn man sich seitlich bewegt, entdeckt man sie.
In ihrer Mitte befindet sich eine bemerkenswerte formale Lösung: Sie wirkt, als würde ein Vorhang vor einer Grotte hochgezogen. Genau dort, wo die Besucher stehen, befindet sich dieses Dunkle unterhalb der Balustrade, und davor öffnet sich die Landschaft mit dem kleinen Teich und dem Weg zum Schloss.
Dadurch entsteht eine Dualität zweier Lichtsituationen. Auf der einen Seite die Grotte – dunkel, geheimnisvoll und auch ein wenig bedrohlich. Diese Stimmung setzt sich in den seitlichen Reliefs fort, deren Figuren beinahe aus dieser Dunkelheit herauszuflüchten scheinen. Auf der anderen Seite öffnet sich der Blick in das Helle.
Es geht dabei aber nicht nur um Licht. Es geht ebenso um emotionale Zustände. Die Grotte steht für das Dunkle, das Unbekannte, vielleicht auch für Bedrohung. Draußen beginnt etwas Positives. Genau zwischen diesen beiden Polen liegt der kleine Teich.
Für uns wird dieser Ort zur Quelle. Dort bündelt sich das Licht. Von dort aus breitet es sich entlang der Allee bis zum Schloss aus.

Wie übersetzt sich diese Idee in eure Texte?
Detlef Hartung: Die Texte beschäftigen sich mit den grundlegenden Begriffen menschlicher Existenz – Geburt, Tod, Liebe, Reflexion, Existenz und vielen anderen elementaren Erfahrungen.
Diese Begriffe werden in eine Struktur eingewoben, die wiederum aus Lichtbegriffen oder Begriffen rund um das Lichten entsteht. Dadurch entstehen zwei Ebenen, die sich permanent überlagern. Man liest gleichzeitig unterschiedliche Zusammenhänge und beginnt, sich durch diese Textlandschaft hindurchzubewegen.
Ich hoffe, dass daraus ein Ort entsteht, den jeder für sich selbst erschließen kann – fast wie ein Traumort.
Georg Trenz: Ich glaube, dass daraus eine sehr meditative Arbeit entsteht. Die kurzen Begriffe der menschlichen Existenz, die in diese Struktur aus Lichtbegriffen eingewoben sind, wirken für mich ein wenig wie kleine Münzen, die man in einen Brunnen wirft.
Sie geben einen Impuls, weiterzudenken, weiterzuleuchten, weiterzustrahlen. Immer wieder entdeckt man neue Zusammenhänge. Die eigentliche Bewegung der Arbeit ist deshalb keine körperliche. Sie findet vielmehr im Assoziieren statt, im Weiterdenken, im Reflektieren und darin, die Begriffe mit der eigenen Lebenssituation zu verbinden.

Der Arbeitstitel lautet derzeit „Lichtweg“. Ist das bereits der endgültige Titel?
Georg Trenz: Im Moment ist „Lichtweg“ tatsächlich unser Arbeitstitel. Gleichzeitig diskutieren wir noch, ob wir den Gedanken des Wassers, des Fließens oder der Quelle noch stärker im Titel verankern.
Ein Titel ist bei einer solchen Arbeit immer eine große Hilfe. Er öffnet einen Interpretationsraum und lenkt die Wahrnehmung. Deshalb prüfen wir gerade, ob sich diese Idee so weit verdichten lässt, dass der Titel die Arbeit noch präziser beschreibt.
Im Augenblick habe ich allerdings überhaupt nichts gegen „Lichtweg“.

Der Ort selbst scheint euch stark zu inspirieren. Welche Rolle spielt seine Architektur?
Detlef Hartung: Sehr sogar. Besonders dieser Vorhang vor der Grotte hat uns beschäftigt. Er wirkt beinahe wie eine moderne Formensprache, obwohl er vermutlich historischen Ursprungs ist. Sollte das tatsächlich so alt sein, finde ich das außerordentlich spannend.
Georg Trenz: Für mich ist dieser Vorhang vor allem ein Symbol für Bühne und Theatralik. Im Barock wurde schließlich alles inszeniert. Der Garten war keine natürliche Landschaft, sondern eine bewusst komponierte Bühne.
Detlef Hartung: Man darf außerdem nicht vergessen, dass die ursprüngliche Sichtachse genau umgekehrt verlief. Heute stehen die Besucher auf der Balustrade und blicken zum Schloss. Als der Garten angelegt wurde, war jedoch der Blick vom Palais Schwarzenberg auf dieses Rondell die eigentliche zentrale Sichtachse.
Es ging also weniger darum, auf das Schloss zu schauen, sondern vielmehr darum, sich auf diesen Ort zuzubewegen – hin zur Grotte und zu dieser besonderen Situation, die heute für die meisten Besucher kaum mehr wahrnehmbar ist.
Mit unserer Arbeit versuchen wir deshalb, den Blick wieder dorthin zu lenken. Man wird sich unweigerlich nach links und rechts bewegen, um überhaupt zu entdecken, was sich unterhalb der Balustrade befindet. Gleichzeitig folgt der Blick der Lichtentwicklung wieder zurück zum Schloss.

Die Besucher befinden sich also in einer ganz besonderen Perspektive.
Georg Trenz: Genau. Es ist tatsächlich eine Art Logensituation. Man steht erhöht und blickt auf eine Szenerie, die sich wie ein Bühnenbild vor einem entfaltet. Das unterscheidet diese Arbeit grundlegend von unserer Installation in Graz.
Für uns ist das ebenfalls Neuland. Wir konnten diese Situation bislang noch nicht im Original testen. Gerade deshalb ist es spannend, bereits im Vorfeld darüber nachzudenken, wie die Projektionen funktionieren müssen. Welche Gobos verwenden wir? Brauchen wir perspektivische Verzerrungen? Wie verändert sich die Wahrnehmung aus dieser erhöhten Position?
All diese Fragen gehören bereits zum künstlerischen Prozess.
Detlef Hartung: Genau deshalb beschäftigen wir uns sehr intensiv mit der Perspektive. Wir möchten die Schrägprojektionen bewusst verzerren, damit sie sich aus dem Blickwinkel der Besucher wieder zu einem stimmigen Gesamtbild zusammensetzen. Dafür brauchen wir sehr genaue Vermessungen des Ortes – selbst die Höhe der Balustrade spielt dabei eine entscheidende Rolle. Erst dadurch lässt sich berechnen, wie sich das Licht später im Raum entfalten wird.
 

Ihr sprecht häufig davon, dass eure Arbeiten vom jeweiligen Ort ausgehen. Ist „Lichtwege“ eine Installation, die nur im Schwarzenberggarten funktionieren kann?
Detlef Hartung: Ja, unbedingt. Der Ort ist nicht bloß Kulisse, sondern Ausgangspunkt unserer Überlegungen. Die Architektur, die historische Gartenanlage, die Reliefs unter der Balustrade und die ursprünglichen Sichtachsen – all das fließt unmittelbar in die Entwicklung der Arbeit ein.
Besonders spannend finden wir, dass viele dieser Elemente heute kaum noch bewusst wahrgenommen werden. Die Grotte unterhalb der Balustrade beispielsweise bleibt den meisten Besucherinnen und Besuchern verborgen. Mit der Installation möchten wir den Blick wieder auf diese Details lenken und sie in einen neuen Zusammenhang stellen.

Georg Trenz: Gleichzeitig interessiert uns, dass sich dieser Ort im Laufe der Festivalzeit verändert. Der Park bleibt nicht gleich. Das Laub fällt, die Bäume verändern ihre Struktur, das Licht reagiert darauf. Die Arbeit ist also nicht statisch, obwohl die Projektionen selbst unbewegt sind.
Auch das ist für uns eine schöne Vorstellung: dass die Natur selbst zu einem Teil der Inszenierung wird.

Die Besucherinnen und Besucher werden also nicht durch die Installation geführt, sondern verweilen an einem Ort.
Georg Trenz: Genau. Normalerweise entstehen unsere Arbeiten entlang eines Weges, den man durchschreitet. Hier ist es umgekehrt. Die Besucher bleiben an einem Punkt stehen und lassen den Raum vor sich entstehen.
Dadurch verändert sich auch die Art der Wahrnehmung. Man erlebt die Installation nicht durch Bewegung im Raum, sondern durch Aufmerksamkeit. Man entdeckt immer neue Zusammenhänge, liest andere Wörter, verbindet Begriffe neu miteinander. Die eigentliche Bewegung findet im Denken statt.

Detlef Hartung: Uns interessiert genau dieser Moment, in dem sich die Wahrnehmung verändert. Man schaut zunächst auf eine Landschaft, dann beginnt man die Texte zu lesen, erkennt Zusammenhänge und taucht immer tiefer in diese beiden Ebenen ein.
Jeder wird dabei seinen eigenen Weg finden.

Welche Rolle spielt dabei das Licht?
Detlef Hartung: Das Licht ist für uns kein Selbstzweck. Es erzählt nichts, sondern eröffnet einen Raum, in dem Bedeutungen entstehen können.
Die Begriffe, die wir verwenden, kreisen um elementare Erfahrungen des menschlichen Lebens – Geburt, Tod, Liebe, Reflexion oder Existenz. Gleichzeitig verweben sie sich mit Begriffen des Lichts. Dadurch entsteht ein Geflecht, das nie eindeutig ist. Jeder liest etwas anderes, jeder entdeckt andere Verbindungen.

Georg Trenz: Vielleicht lässt sich unsere Arbeit deshalb auch am besten als Einladung verstehen.
Wie beim Werfen einer Münze in einen Brunnen entsteht eine Bewegung, die sich immer weiter ausbreitet. Ein einzelner Gedanke führt zum nächsten. Ein Wort löst Erinnerungen aus, ein anderes öffnet neue Assoziationen.
Genau darin liegt für uns die Kraft dieser Installation.
 


Biografie

Detlef Hartung und Georg Trenz entwickelten in ihrer über 20jährigen Zusammenarbeit eine eigene Form des künstlerischen Ausdrucks, mit der sie Texte in eindrückliche Bilder verwandeln. Konkrete Sprache wird inhaltlich sowie formal zu bildhaften Zeichen. Die entstehenden Wortbilder erschaffen großflächige Bild-Text-Räume, die in Korrespondenz mit den realen, dreidimensionalen Räumen treten, auf die sie projiziert werden.

 


Credits

Konzeption und Gestaltung: 
Hartung & Trenz

Sound: 
Timber Hemprich