Mirror of Insight
Javier Rieira
Hoch über dem Garten befand sich mit dem alten Wasserreservoir das einstige Herzstück der historischen Wasserversorgung. Über Kaskaden und Brunnen wurde das Wasser – ein essentieller Bestandteil des Barockgartens – durch die gesamte Anlage geleitet. Wo früher Wasser floss, lässt Javier Riera nun Licht und Geometrie fließen.
„Licht ist kein Selbstzweck. Es macht Beziehungen sichtbar, die bereits vorhanden sind.“
Dieser leuchtende Strom knüpft an die Geschichte des Gartens an, ohne sie zu inszenieren. Vielmehr erfährt der natürliche Raum eine künstlerische Struktur, die den Blick für jenes öffnet, das sonst vielleicht verborgen bliebe.
In den Werken von Javier Riera finden Geometrie, Architektur und Landschaft auf poetische Weise zueinander. Der spanische Künstler greift örtliche Strukturen auf und macht sie durch geometrische Formen sichtbar – so auch im Schwarzenberggarten
Lichtblicke
von der Idee zum Werk
Für Ihre Arbeit im Schwarzenberggarten haben Sie einen ganz besonderen Ort gewählt – einen ehemaligen Wasserbehälter hoch über dem Garten. Was hat Sie daran gereizt?
Mich hat zunächst die Geschichte dieses Ortes fasziniert. Zu erfahren, dass sich hier einst das Wasserreservoir des Gartens befand, hat meine Vorstellung von diesem Platz völlig verändert.
Früher wurde von hier aus Wasser durch den gesamten Garten geleitet. Heute existiert dieses Wasser nicht mehr, doch seine Geschichte bleibt im Ort gespeichert. Diese Erinnerung interessiert mich.
Meine Installation ersetzt das Wasser nicht – sie greift seine Bewegung auf. An die Stelle des Wasserflusses tritt ein Fluss aus Licht und Geometrie. Dieser Gedanke erschien mir sofort sehr poetisch.
Gleichzeitig erreichen die Besucher diesen Ort nicht zufällig. Sie müssen hinaufgehen, den Platz entdecken und die Installation gewissermaßen suchen. Auch diese Erfahrung des Entdeckens ist Teil der Arbeit.
Der Schwarzenberggarten vereint barocke Gartengestaltung und englischen Landschaftsgarten. Spielt diese besondere Situation für Ihre Arbeit eine Rolle?
Ja, sehr.
Mich interessiert, dass dieser Ort zwischen unterschiedlichen Vorstellungen von Natur steht. Auf der einen Seite die barocke Idee von Ordnung und Geometrie, auf der anderen Seite der englische Landschaftsgarten mit seiner freieren Form.
Auch das Belvedere spielt dabei eine wichtige Rolle. Es ist ein außergewöhnliches Bauwerk, dessen eigentliche Kraft aber nicht nur in seiner Architektur liegt, sondern auch in den Kunstwerken, die es beherbergt.
So entsteht ein Ort voller Spannungsfelder: Kunst und Natur, Geschichte und Gegenwart, Architektur und Landschaft. Meine Arbeit versteht sich als Teil dieses Dialogs.
Sie machen also auch etwas Unsichtbares wieder sichtbar?
Ja, in gewisser Weise schon.
Mich interessiert es, verborgene Strukturen eines Ortes wahrnehmbar zu machen. Nicht indem ich Geschichte illustriere, sondern indem ich eine neue Erfahrung ermögliche.
Ich hoffe, dass die Besucher die Installation wie eine Entdeckung erleben – als etwas, das plötzlich vor ihnen erscheint und gleichzeitig selbstverständlich zu diesem Ort gehört.
Wie wünschen Sie sich, dass die Besucher Ihre Arbeit wahrnehmen?
Ich wünsche mir, dass sie sich Zeit nehmen.
Meine Arbeiten erzählen keine Geschichte mit einem Anfang und einem Ende. Sie laden vielmehr dazu ein, für eine Weile an einem Ort zu bleiben und die eigene Wahrnehmung zu verändern.
Die Installation soll überraschen, aber gleichzeitig Ruhe ausstrahlen. Sie soll Schönheit vermitteln, ohne laut zu sein.
Vielleicht wird sie zu einem Ort der Kontemplation – einem Ort, an dem man einfach verweilen möchte.
Ihre geometrischen Projektionen wirken oft, als würden sie bereits in der Landschaft existieren. Ist das Ihr Ziel?
Ja.
Ich versuche nicht, der Natur etwas hinzuzufügen. Mich interessiert vielmehr, Strukturen sichtbar zu machen, die bereits vorhanden sind.
Geometrie ist für mich keine künstliche Form. Sie gehört zur Natur selbst. Man findet sie in Pflanzen, Kristallen, Sternbildern oder im Wachstum von Bäumen.
Meine Projektionen legen diese verborgenen Beziehungen frei. Deshalb empfinde ich meine Arbeiten auch als eine Form der Land Art.
Sie sprechen häufig davon, dass Ihre Arbeiten einen meditativen Zustand erzeugen sollen. Warum ist Ihnen das wichtig?
Wir leben heute in einer Welt, die uns ständig mit Informationen überflutet.
Dadurch verlieren wir leicht die unmittelbare Verbindung zu unserer Umgebung. Wir sehen Bilder, Nachrichten und Krisen, doch oft verschwinden sie schon nach kurzer Zeit wieder aus unserem Bewusstsein.
Mich interessiert das Gegenteil.
Ich möchte Räume schaffen, in denen Menschen ihre Aufmerksamkeit wieder auf den Ort richten, an dem sie sich befinden. Nicht auf ihre Gedanken, sondern auf ihre Wahrnehmung.
Wenn eine Installation dazu beiträgt, dass wir uns wieder als Teil der Natur begreifen, dann erfüllt sie für mich ihren Zweck.
Biografie
Javier Riera ist bekannt für seine Land Art und projektionsbasierten Arbeiten, die die Schnittstelle zwischen Geometrie und Natur erforschen, eine Beziehung, die seinen Installationen einen meditativen Charakter verleiht. Sein Ziel ist es, die Wahrnehmung des Betrachters in Richtung einer Erfahrung von Sichtbarkeit und Verbindung mit der Energie der Natur zu erweitern. Seine Arbeiten wurden auf zahlreichen Lichtkunstfestivals weltweit gezeigt, in führenden Museen wie dem Museo Reina Sofía und dem MUSAC in Spanien ausgestellt und sind Teil wichtiger öffentlicher und privater Sammlungen.
Credits
Concept & artistic realisation:
Javier Riera
Sound:
LUMINECHO
Collaborators:
Rosalina Fernández, Javier Palomo