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Terre Roulante

Miriam Hamann

Terre Roulante verbindet die Geschichte des ehemaligen Barockgartens mit einer zeitgenössischen künstlerischen Reflexion über Wissenschaft, Wahrnehmung und den menschlichen Versuch, die Welt zu begreifen.

„Der Barockgarten ist Ausdruck des menschlichen Wunsches, Natur zu verstehen – und gleichzeitig zu kontrollieren.“

Die Entstehung des Barockgartens markierte einen Wendepunkt im menschlichen Denken: Der Garten war nicht mehr nur eine kunstvoll arrangierte Landschaft, sondern bot mit Sichtachsen, geometrischen Beeten und symmetrischen Formen die Möglichkeit, Natur zu vermessen und zu regeln. Damit avancierte die Gartenanlage zum Spiegelbild eines neuen Weltbildes, das sich an Wissenschaft, Ordnung und Erkenntnis orientierte. 

Miriam Hamanns „Terre Roulante“ (dt. rollende Erde) knüpft an diese Entwicklung an. Die Künstlerin übersetzt eine astronomische Zeichnung des Wissenschaftlers und Künstlers Sébastien Leclerc (1637–1714) in eine begehbare Lichtskulptur. Wie ein räumliches Bild macht die Installation sowohl Verbindungen zwischen Wissenschaft, Kunst und Natur als auch Vergangenheit und Gegenwart sichtbar.


Lichtblicke
von der Idee zum Werk

Deine Arbeiten beschäftigen sich häufig mit Naturwissenschaft, Mathematik und Astronomie. Wo setzt Terre Roulante an?
In meiner künstlerischen Praxis beschäftige ich mich sehr stark mit der Frage, wie unsere Realität strukturiert ist und welche Ordnungssysteme wir entwickelt haben, um die Welt zu verstehen. Mich interessieren jene Systeme, die wir als selbstverständlich und konstant wahrnehmen – und vor allem der Moment, in dem sie ins Wanken geraten. Was passiert, wenn vermeintliche Gewissheiten plötzlich nicht mehr stabil sind? Wenn sich zeigt, dass etwas, das wir für eine Naturkonstante gehalten haben, gar keine ist?
Diese Fragestellung zieht sich durch viele meiner Arbeiten. Ich habe mich intensiv mit dem Thema Zeit beschäftigt, mit wissenschaftlichen Rätseln oder mit Phänomenen wie der Wanderung des magnetischen Nordpols. Solche Entwicklungen machen deutlich, dass selbst Systeme, auf die wir uns täglich verlassen, ständig angepasst werden müssen. Mich interessiert genau dieser Moment, in dem unser Verständnis der Welt neu verhandelt wird.
Deshalb spielen Naturwissenschaft, Mathematik, Geometrie und Astronomie in meiner Arbeit eine zentrale Rolle. Am Ende führen viele dieser Überlegungen immer wieder zurück zu den Bewegungen der Planeten und zu den Gesetzmäßigkeiten des Kosmos.

Welche Rolle spielt der Schwarzenberggarten für diese Arbeit?
Terre Roulante ist eine ortsspezifische Arbeit und nimmt unmittelbar Bezug auf den ehemaligen Barockgarten. Mich interessiert dabei vor allem die enge Verbindung zwischen der Entstehung des Barockgartens und den naturwissenschaftlichen Entwicklungen des 17. und 18. Jahrhunderts.
In dieser Zeit wurden große Fortschritte in Mathematik, Geometrie und Perspektive erzielt. Erst dadurch wurde es überhaupt möglich, Gärten mathematisch zu vermessen und geometrisch anzulegen. Die Natur wurde vermessen, geordnet und in ein System überführt. Dahinter stand der Wunsch, die Welt zu verstehen – aber auch, sie kontrollieren zu können.
Genau an diesem Punkt setzt mein Interesse an. Was geschieht, wenn diese Kontrolle verloren geht? Wenn die Natur sich unserer Ordnung entzieht?
Barockgärten folgen mathematischen Prinzipien. Sie sind Ausdruck eines Weltbildes, das versucht, Natur zu strukturieren und den Kosmos in einer idealen Ordnung abzubilden. Gleichzeitig wurden sie oft selbst als eine Art Mikrokosmos verstanden – als Spiegel des Universums im Kleinen.

Wie bist du zur historischen Vorlage gelangt?
Während meiner Recherche habe ich digitale Archive nach historischen Kupferstichen durchsucht. Dabei bin ich auf Arbeiten des französischen Mathematikers und Kupferstechers Sébastien Leclerc gestoßen, der am Hof Ludwigs XIV. tätig war.
Leclerc beschäftigte sich intensiv mit geometrischen Konstruktionen, Perspektive und Astronomie. Seine Zeichnungen sind weniger naturgetreue Darstellungen als vielmehr mathematische Modelle und Konstruktionen.
Eine dieser Zeichnungen wurde schließlich zum Ausgangspunkt meiner Installation.
Der Titel Terre Roulante leitet sich von einer handschriftlichen Notiz auf dieser historischen Grafik aus dem Jahr 1706 ab. Mich interessierte dabei weniger die exakte astronomische Aussage als vielmehr der gedankliche Kontext, aus dem diese Zeichnung entstanden ist.

Wie übersetzt sich diese historische Zeichnung in die Installation?
Ich habe einen Teil dieser mathematischen Konstruktion herausgelöst und in eine dreidimensionale, großformatige Lichtinstallation aus Neon übersetzt.
Dabei geht es ausdrücklich nicht darum, die historische Zeichnung eins zu eins nachzubilden. Bereits Leclerc übersetzte astronomische Zusammenhänge in mathematische Konstruktionen. Ich wiederum übersetze diese Konstruktion in einen räumlichen Körper aus Licht.
So entsteht eine weitere Transformation. Die Arbeit entfernt sich bewusst von einer exakten wissenschaftlichen Darstellung und eröffnet stattdessen eine räumliche Erfahrung.
Gerade dadurch entsteht eine neue Ebene zwischen Wissenschaft, Geschichte und Gegenwart.

Welche Gedanken sollen Besucherinnen und Besucher mitnehmen?
Mir ist wichtig, dass die Arbeit zunächst einmal unabhängig von ihrem Hintergrund funktioniert.
Meine Installationen sind sehr reduziert und formal. Sie sollen ästhetisch wirken können, auch wenn man die Geschichte dahinter noch nicht kennt.
Gleichzeitig steckt hinter diesen Formen meist eine sehr lange Recherche. Es handelt sich nie um zufällige Linien oder intuitive Zeichnungen, sondern fast immer um naturwissenschaftliche Prozesse oder mathematische Modelle.
Wenn Besucherinnen und Besucher später erfahren, woher diese Formen stammen und welche Geschichte dahinterliegt, öffnet sich noch einmal eine völlig neue Bedeutungsebene.

Welchen Stellenwert hat dabei das Licht?
Licht ist für mich ein immaterielles Material.
Es ist zwar physisch vorhanden, besitzt aber gleichzeitig etwas Flüchtiges und Lebendiges. Gerade Neon fasziniert mich, weil sichtbar wird, dass das Gas tatsächlich durch die Röhren fließt und die Skulptur dadurch beinahe lebendig erscheint.
Mich interessiert, dass Licht Räume verändern kann. Es erweitert Räume, verändert ihre Wahrnehmung und schafft etwas, das weit über ein klassisches Material hinausgeht.
Genau diese Verbindung aus Materialität und Immaterialität macht Licht für mich zu einem außergewöhnlichen künstlerischen Medium.
 


Biografie

Miriam Hamann, deren Arbeiten zwischen Skulptur und Installation changieren, verbindet wissenschaftliche Abstraktion mit visueller Klarheit.

In ihren Installationen und Skulpturen setzt sich Miriam Hamann (*1986, Wels) mit naturwissenschaftlichen Phänomenen und deren Einfluss auf unser Weltverständnis auseinander. Indem sie deren Gültigkeit hinterfragt, macht sie Ordnungssysteme als veränderbare Konstrukte sichtbar und fragt, was geschieht, wenn wir die Illusion vollständiger Kontrolle loslassen. Ihre Werke eröffnen einen Raum für Reflexion zwischen Wissenschaft, Philosophie und den oft ungreifbaren Dimensionen unserer Realität.


Credits

Konzeption & Planung: 
Miriam Hamann
 

Techn. Umsetzung: 
Neonline