Brocken 5.6
Yasuhiro Chida
Inspiriert vom mysteriösen Naturphänomen des Brocken-Spektrums schafft Yasuhiro Chida die interaktive Installation Brocken 5.6: Durch Tausende von Löchern dringen Lichtstrahlen in den dunklen Raum und erwecken die Illusion, das Licht folge den Menschen.
My work is a metal cube with 50.000 tiny holes in the walls and the ceiling. The light is coming from outside and you can feel the light itself which is the main phenomenon inside the cube.
Chidas Arbeiten setzen sich mit der sinnlichen Wahrnehmung unserer Umwelt, Veränderungen darin und unserer Reaktion darauf auseinander. Zusammen mit Ólafur Eliasson und James Turrell wurde der japanische Künstler 2019 von Artdex zu einem der neun bemerkenswertesten Digitalkünstler*innen der Welt ausgezeichnet.
Lichtblicke
von der Idee zum Werk
Mit Brocken 5.6 verwandelt der japanische Künstler Yasuhiro Chida den Schwarzenberggarten in einen Ort der konzentrierten Wahrnehmung. Sein begehbarer Kubus bildet einen Raum im Raum – ein stilles Gegenüber zu den weitläufigen Sichtachsen des barocken Gartens. Im Inneren gibt es scheinbar nichts zu sehen. Und gerade darin liegt die eigentliche Erfahrung.
Deine Installation Brocken 5.6 wirkt auf den ersten Blick sehr reduziert. Was erwartet die Besucherinnen und Besucher, wenn sie den Kubus betreten?
Im Zentrum der Arbeit steht die Leere. Wenn man den Kubus betritt, befindet sich dort eigentlich nichts. Das ist ein großer Unterschied zu klassischen Kunstwerken wie Gemälden oder Skulpturen, denen man als Betrachter gegenübersteht.
In meiner Arbeit gibt es kein Objekt, auf das man schaut. Stattdessen befindet man sich mitten in einem Phänomen. Der Kubus besteht aus Metall, seine Wände und die Decke sind mit etwa 50.000 winzigen Öffnungen versehen. Das Licht dringt von außen ein und wird selbst zum eigentlichen Material der Installation.
Interessant ist, dass auch diese kleinen Öffnungen leer sind. Man könnte also sagen: Die Leere entsteht durch Leere.
Der Schwarzenberggarten war einst ein barocker Garten, der mit sorgfältig komponierten Szenerien arbeitete. Deine Installation schafft darin einen ganz eigenen Raum. War dieser Ort eine Inspiration für dich?
Ja, dieser Gedanke gefällt mir sehr. Mich interessiert, einen eigenen Raum innerhalb eines größeren Raumes zu schaffen. Sobald man den Kubus betritt, verändert sich die Wahrnehmung. Obwohl man sich noch immer im Park befindet, fühlt sich der Ort plötzlich ganz anders an.
Der barocke Garten lenkte den Blick bewusst durch den Raum. Meine Installation macht das Gegenteil. Sie lädt dazu ein, den Blick nicht in die Ferne zu richten, sondern die Aufmerksamkeit auf das Licht selbst und auf die eigene Wahrnehmung zu lenken. Für einen Moment entsteht ein stiller Ort mitten im Schwarzenberggarten.
Deine Arbeiten leben von Licht, Raum und natürlichen Phänomenen. Warum sind dir gerade diese so wichtig?
Ich weiß, dass mein eigenes Denken Grenzen hat. Jeder Mensch hat nur eine begrenzte Vorstellungskraft, ganz gleich, wie intelligent er ist. Deshalb arbeite ich lieber mit realen Phänomenen als mit etwas, das ich vollständig kontrollieren kann.
Wenn Licht auf Material und Raum trifft, passiert immer etwas Unerwartetes. Genau das interessiert mich. Würde ich alles kontrollieren, könnten die Besucherinnen und Besucher die Arbeit vollständig verstehen. Aber dann gäbe es nichts mehr zu entdecken.
Du sprichst oft davon, dass deine Arbeiten nicht vollständig verstanden werden sollen.
Ja. Ich glaube nicht, dass Kunst alle Antworten geben muss.
Ich vergleiche das manchmal mit den Wellen des Meeres. Man kann sehr lange auf sie schauen, obwohl sie keine Botschaft vermitteln. Ihre Bewegung ist so komplex, dass man sie nie vollständig begreift. Gerade deshalb bleibt sie faszinierend.
Wenn ein Kunstwerk vollständig erklärbar wäre, hätte man es irgendwann verstanden und würde weitergehen. Mich interessiert das Gegenteil: Ich möchte einen Ort schaffen, an dem Menschen verweilen, weil sich das Erleben nicht vollständig in Worte fassen lässt.
Viele Künstlerinnen und Künstler sprechen von ihren Inspirationsquellen. Wie entstehen deine Arbeiten?
Eigentlich werde ich nicht von etwas Bestimmtem inspiriert. Ich arbeite sehr viel mit meinen Händen und baue meine Installationen selbst.
Während dieses Prozesses entstehen die eigentlichen Ideen. Das ist mein Geheimnis. Würde ich die Arbeit an andere abgeben, würde ich genau diese Momente verpassen. Die Inspiration kommt nicht vor der Arbeit – sie entsteht während der Arbeit.
Was wünschst du dir, dass die Besucherinnen und Besucher aus Brocken 5.6 mitnehmen?
Ich hoffe nicht, dass sie etwas Bestimmtes verstehen.
Ich wünsche mir vielmehr, dass sie einen Moment erleben, in dem sie ihre Umgebung anders wahrnehmen als zuvor. Dass sie entdecken, wie sich Licht anfühlen kann, wenn man ihm wirklich Aufmerksamkeit schenkt – und dass selbst ein scheinbar leerer Raum voller Erfahrungen sein kann.
Biografie
Yasuhiro Chida ist ein aus Japan stammender Lichtkünstler. Er studierte Architektur in Tokio und schafft große Installationen im öffentlichen Raum oder in Naturlandschaften, die seit 2015 in Europa gezeigt werden. Das wichtigste Thema in Yasuhiro Chidas Werk ist die physische und sensorische Wahrnehmung unserer Umwelt und die Art und Weise, wie wir auf Veränderungen reagieren.
Von seinen persönlichen Erfahrungen im Bergsteigen, Eisklettern und Höhlenwandern beeinflusst, lotet er dieses besondere Raumbewusstsein in der Natur, sowie die beeindruckenden, körperlichen Sinneseindrücke in seinen immersiven Installationen aus. So schafft der Künstler mit oft ausgesprochen simplen Mitteln beeindruckende Erlebnisse im öffentlichen Raum. 2019 wurde Yasuhiro Chida mit dem Publikumspreis des International Light Art Award 2019 in Unna ausgezeichnet. Nebenbei entsteht sein eigenes Kunstmuseum, das Museum of Spatial Art in Tatsuno, Nagano, Japan.